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Brief an die Moderatoren der „Palästina-Tage“

Am Montag haben wir als Organistorinnen und Organisatoren der Thementage gegen Antisemitismus einen Brief an die Moderatoren der „Palästina-Konferenz“ geschrieben, mit der Bitte um Antwort. Diese blieb bisher leider aus. Unser Anschreiben möchten wir hier im folgenen dokumentieren:

Sehr geehrter Hr. Dr. Tilman Lüdke, sehr geehrter Hr. Prof. Dr. Bernhard Uhde, sehr geehrter Hr. Prof.
Dr. Heribert Weiland,

laut der Internetseite des Cafe Palestine übernehmen Sie an dem Tagesseminar am 11.9.2011 die Moderation bei der Veranstaltung. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Veranstalter durch die Kooperation mit angesehenen Wissenschaftlern versuchen, ihren Forderungen nach der Abschaffung Israels und ihren antisemitischen Invektiven einen respektablen Anstrich zu geben. Zudem bedient das Cafe Palestine das Klischee jüdischer Manipulation und Weltherrschaft, wenn es behauptet, die öffentliche Meinung stehe unter zionistischer Kontrolle und – entgegen jeglicher empirischer Erfahrung, ist doch bspw. in Deutschland die Berichterstattung über die israelische Militär- und Siedlungspolitik vorwiegend negativ – eine Kritik an Israel würde unterdrückt und verfolgt.

Das Cafe Palestine pocht auf das Recht auf Meinungsfreiheit; die von einigen Referenten geäußerten Meinungen stellen unserer Meinung nach jedoch Volksverhetzung dar. Besonders betrifft dies die Referenten Gilad Atzmon und Alan Hart. Als Beleg finden Sie im Folgenden einige Passagen aus Gilad Atzmons Internet-Seite. Ähnliche drastische Äußerungen hat er bereits im März diesen Jahres auf einer Veranstaltung im Café Jos Fritz verlauten lassen.1 Atzmon ist ein israelischer Jazzmusiker, der seit 1994 in Großbritannien im selbstgewählten Exil lebt. Neben seiner Tätigkeit als Musiker betätigt er sich als Autor politischer Essays und hat bisher zwei Romane veröffentlicht.

Das Hauptobjekt in seinen Schriften, seinen Romanen wie seinen Essays, ist Israel. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund und erweist sich weniger als Kritiker der israelischen Politik denn als lupenreiner antisemitischer Ideologe. So wehrt er sich gegen den Vergleich zwischen Nazi-Deutschland und Israel, da er Israel für viel schlimmer befindet, was ihn nicht davon abhält zu behaupten, dass Israel sich zum neuen Nazi-Deutschland entwickelt hätte. Während die Deutschen keinerlei Verantwortung für die Verbrechen der Nazis zu tragen hätten, wären die Israelis als Demokraten sämtlich verantwortlich und würden damit die Verbrechen der Nazis in den Schatten stellen.2 Auch der Ku-Klux-Klan habe Ähnlichkeiten mit dem Staat Israel, da dieser „politisch und spirituell von einer rassistischen Überlegenheits-Ideologie“ geleitet werde.3 Die israelischen Kriege leiten sich also aus einer rassistischen, chauvinistischen Bibelinterpretation ab, auf die auch die Legitimierung des Staates selber fuße, weshalb Atzmon eine jüdische Demokratie als „koscheren Oxymoron“ bezeichnet.4
In der Bedienung des alten antisemitischen Vorwurfs der Unproduktivität behauptet er, Israel habe keinerlei Produktivkräfte vorzuweisen. Den israelischen Reichtum kann er sich nur dadurch erklären, dass Israel ein „gigantischer Geldwäsche Hafen für jüdische Oligarchen, Betrüger, Waffenschieber, Organhändler, für das organisierte Verbrechen und für Blutdiamantenhändler“ sei. „Im jüdischen Staat“, so sagt er, „dienen ein paar Millionen Juden den dunkelsten Interessen, deren Früchte nur von einigen wenigen reichen Schurken genossen werden können.“5

Neben der Unproduktivität taucht auch der Vorwurf des gierigen Raffens auf, der dem vorhergehenden bei klassischen Antisemiten stets beigesellt ist. So schreibt er von einem „unbarmherzig von Gier getriebenen Versuch, den Reichtum auf Kosten der restlichen Menschheit an sich zu reißen“.6 Atzmon imaginiert die ganze Welt als durch Israel kontrolliert und gleichzeitig bedroht, denn „die israelische Bombe ist für uns da, für die Briten, die Türken, die Franzosen, die Russen, die Chinesen, kurz: für den Rest der Menschheit“.7 Daher bleibt für ihn nur eine Alternative. Er fordert die ganze Welt auf zu erkennen: „Wir sind alle Palästinenser und wir haben alle denselben Feind“.8 Wer dieser Feind ist, ist nicht schwer auszumalen.

Deshalb bekennt Atzmon auch: „Ich bin mit den reaktionärsten Kräften verbündet: Ich unterstütze die Muslimbruderschaft, Hizbullah und ich unterstütze die Hamas. (…) Ich bin der ultimative Reaktionär und ich bin entzückt und stolz darauf.“9 Ein Bekenntnis also zu als terroristisch eingestuften Organisationen, die das Leid der ihnen Unterworfenen unablässig perpetuieren. Atzmon geht es also nicht darum, das Leid der Palästinenser zu lindern, sondern einzig um die Delegitimierung Israels.

Ähnlich verquast ist auch die Argumentation des Referenten Alan Hart, der in seinem dreibändigen Werk mit dem sprechenden Titel „Zionism – the real enemy of the jews“ das alte Klischee der Grundverlogenheit des Juden wieder aufwärmt. Nicht zuletzt stecke auch der Mossad hinter dem Anschlag auf die Twin Towers, wie Hart mit wirren Argumenten behauptet.10
Mit Ihrer Beteiligung an einer solchen Veranstaltung würden Sie dazu beitragen, den abstrusen Thesen von Antisemiten und Verschwörungstheoretikern eine scheinbar wissenschaftliche Plattform zu verschaffen. Wir bitten Sie, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken und verbleiben mit freundlichen Grüßen,

Die Veranstalterinnen und Veranstalter der Thementage
www.thementage.blogsport.de

  1. http://cafepalestinefreiburg.blogspot.com/search?updated-min=2011-03-01T00%3A00%3A00-08%3A00&updatedmax= 2011-04-01T00%3A00%3A00-07%3A00&max-results=3 [zurück]
  2. “We have heard already about comparisons between Israel and Nazi Germany. But I don‘t like these comparisons, because I truly think that Israel is far worse than Nazi Germany. Why do I believe so? Because Israel is a democracy. Nazi Germany was not a democracy; the Reichstag had been dissolved. The Germans had zero responsibility for acts that were committed by Nazis – – apart of course from those who were directly perpetrating a crime, or were politically leading it. However, Israel is a democracy – – and therefore, every citizen is complicit.” http://www.gilad.co.uk/writings/truth-in-stuttgart-1.html?printerFriendly=true [zurück]
  3. “This cartoon, comparing Zionism to the Ku Klux Klan. Indeed a necessary comparison considering the fact that the Jewish state is driven politically and spiritually by racist supremacist ideology.” http://www.gilad.co.uk/writings/gilad-atzmon-jewishpower-is-falling-apart.html?printerFriendly=true [zurück]
  4. “Kosher Oxymoron-Jewish Democracy” http://www.gilad.co.uk/writings/gilad-atzmon-kosher-oxymoron-jewishdemocracy.html?printerFriendly=true [zurück]
  5. “Increasingly, Israel seems to be nothing more than a humongous money laundering haven laundering haven for Jewish oligarchs, swindlers, weapon dealers, organ traffickers, organized crime and blood diamond traders. (…) In fact, in the Jewish state, a few million Jews are serving the darkest possible interests, the fruits of which, are to be enjoyed by just a very few rich villains. (…) Instead of addressing the above relentless greed-driven attempt to grab wealth on the expense of the rest of humanity, we are all focusing on a single territorial conflict, that actually brings to light just one devastating criminal side of the Jewish national project.“ http://www.gilad.co.uk/writings/gilad-atzmon-israeli-economy-for-beginners.html?printerFriendly=true [zurück]
  6. Ebd. [zurück]
  7. “As one may guess, an atomic bomb is not exactly something you use against your next door neighbor. Israel’s nuclear arsenal is not there to deter the Palestinians or the Syrians. The Israeli Bomb is there for us, the Brits, the Turks, the French, the Russians, the Chinese, in short the rest of humanity. Israel’s nuclear arsenal should be realized in reference to Masada (…). The new Israelites have an Armageddon scenario in mind. Their philosophy is pretty simple, from Auschwitz they took the ‘never again’ (like a lamb to the slaughter). From Masada they deduced their survival motto, ‘if we are going down, this time we take everyone with us’.” http://www.gilad.co.uk/writings/jewish-ideology-and-world-peace-by-gilad-atzmon.html?printerFriendly=true [zurück]
  8. “But here is some bad news for Israel and its corrupted elite. It is just a question of time before the Russians, Americans, Africans, Europeans, all of humanity, begin to grasp it all — We are all Palestinians and we all share one enemy.” http://www.gilad.co.uk/writings/gilad-atzmon-israeli-economy-for-beginners.html?printerFriendly=true [zurück]
  9. “And let’s face it from a Marxist point of view I am associated with the most reactionary forces: I support Muslim Brotherhood, Hezbollah, and I support Hamas. What do you want more than that! I am the ultimate reactionary being and I am delighted and proud about it all.” http://www.gilad.co.uk/writings/silvia-cattori-an-interview-with-gilad-atzmon-to-call-aspad.html?printerFriendly=true [zurück]
  10. http://www.youtube.com/watch?v=hmga7FVYbks [zurück]

Interview

Hier ein Interview zu den „Thementagen gegen Antisemitismus“ und unserer Kritik am Cafe Palestine.

Inerview zu den Thementagen und dem cafe Palestine by thementage

Vortrag „Darf man Israel kritisieren?“

Über Meinung und Ideologie

Dass man Israel „selbstverständlich“ kritisieren dürfe, bekennen selbst sogenannte pro-israelische „Hardliner“. Doch wie steht es eigentlich um die Frage, die sie damit in vorauseilendem Gehorsam beantworten?
Ob man Israel kritisieren darf, lässt sich ganz leicht beantworten, wenn man die Frage rein wörtlich nimmt: was man darf und was nicht regelt üblicherweise ein Gesetz. Nach § 130 StGB sind diejenigen Spielarten der Israelkritik verboten, die den Nationalsozialismus und die Ermordung der Juden verherrlichen. Doch so will es natürlich nicht gemeint haben, wer die Frage stellt. Doch was meint sie eigentlich? Zumeist unterstellt sie ein Tabu, das es gar nicht gibt. Auf eine sinnlose Frage zu antworten ist, wie wenn einer den Stier melkt und ein Anderer ein Sieb darunter hält. Doch sie ist nicht einfach nur eine dumme und sinnlose Frage – das wäre noch harmlos. Sie tritt absichtsvoll naiv als juristische Frage auf, ist aber kalkuliert politisch. Während das Recht, hier: das Recht auf freie Meinungsäußerung, so scheint, als wäre es rein formal und sich damit die Frage danach, ob eine bestimmte Meinung richtig oder falsch ist, gar nicht stellen kann, sind politische Aussagen inhaltlich, d.h. wahrheitsfähig. Durch die absichtsvolle Vermischung dieser Ebenen versucht sich, wer der die Frage stellt, ob man Israel kritisieren dürfe, der Kritik zu entziehen. Der Vortrag will zeigen, wie sich die derart als Tabubruch inszenierende Israelkritik als bloße Meinung gegen den jüdischen Staat erweist, die sich selbst wiederum gegen Kritik abdichtet, d.h. in letzter Konsequenz Kritik am Antisemitismus tabuisieren möchte.

Zum Referenten: Leo Elser ist Redakteur und Autor der „Pólemos“ und schreibt für die „Bahamas“.

10.​09. – 13.​00 Uhr
Fa­kul­tät für Forst-​ und Um­welt­wis­sen­schaf­ten, Ten­nen­ba­cher Str. 4

(Eintritt frei, Spenden erwünscht)

Vortrag zum Mythos „Nakba“

Die Entstehung Israels – Legenden und Wirklichkeit

Nur wenige Stunden nach der Gründung Israels am 14. Mai 1948 – die dem ein knappes halbes Jahr zuvor verabschiedeten Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen folgte – erklärten Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon und der Irak dem jüdischen Staat den Krieg und griffen ihn an. Das erklärte Ziel der arabischen Allianz war es dabei, Israel mit militärischen Mitteln zu beseitigen, doch den israelischen Streitkräften gelang es, das Land zu verteidigen und die gegnerischen Armeen zu schlagen. Im Zuge dessen, aber auch schon während des vorangegangenen Bürgerkrieges zwischen jüdischen und arabischen Milizen, verließen mehrere hunderttausend palästinensische Araber das Land – teilweise infolge der Kriegshandlungen, vielfach jedoch auch auf Geheiß der arabischen Staaten, die freie Bahn für ihren Angriff haben wollten und eine triumphale Eroberung und Zerstörung Israels ankündigten.

Gleichwohl vertritt die palästinensische Seite bis heute unverrückbar die Position, dass die Gründung des jüdischen Staates eine „Nakba“, also eine Katastrophe gewesen sei – vergleichbar mit dem Holocaust – und dass erst jüdisch-zionistische Milizen und danach die israelische Armee die palästinensischen Araber gezielt und systematisch vertrieben habe. Dieser zählebige Mythos wird auch von den europäischen Sympathisanten der Palästinenser vertreten, wie nicht zuletzt die Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ zeigt. Diese Ausstellung des Pfullinger „Vereins Flüchtlingskinder im Libanon e.V.“ war bislang deutschlandweit an 70 verschiedenen Orten zu sehen, auch in Freiburg. Sie ergreift Partei für die palästinensische Seite; ihr Ton ist dabei scheinbar sachlich und vermeintlich an den Fakten orientiert. Doch bereits einfache und historisch unstrittige Fakten werden durch Auslassungen und Verdrehungen grob verfälscht.

So erfährt man etwa von dem für die palästinensische Politik überaus wichtigen Großmufti und Nazi-Kollaborateur Hajj Amin el-Husseini genauso wenig etwas wie über die Hintergründe und Ziele des arabischen Angriffs auf Israel. Auch die antisemitischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in den 1920er und 1930er Jahren sowie die Aktivitäten arabischer Terrorgruppen finden keine Erwähnung. Darüber hinaus werden Aussagen israelischer Politiker häufig entweder dekontextualisiert oder sinnentstellend wiedergegeben. Insgesamt präsentiert die Ausstellung die Araber respektive Palästinenser durchweg als so unschuldige wie harmlose Opfer einer generalstabsmäßig geplanten zionistischen Aggression. Diese Vorgehensweise folgt der Methode einer in den Gesellschaftswissenschaften höchst populären postmodernen Strömung, die keine historischen Tatsachen mehr kennen will, sondern nur noch gleichberechtigte „Narrative“, also subjektive Erzählungen von „Betroffenen“ ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt. Ist dieser Ansatz ganz grundsätzlich mehr als fragwürdig, so führt er in Bezug auf den „Nahostkonflikt“ absichtsvoll zu einer Dämonisierung und Delegitimierung Israels.

Der Vortrag von Alex Feuerherdt wird sich dem Mythos „Nakba“ sowie weiteren Legenden im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israel widmen und prüfen, weshalb sie bis heute gepflegt werden, wie sich demgegenüber die Wirklichkeit darstellt und warum eigentlich niemand ein Rückkehrrecht für die Hunderttausenden Juden fordert, die 1948/49 aus den arabischen Staaten, in denen sie lebten, fliehen mussten.

Zum Referenten: Alex Feuerherdt (42) ist Lektor und freier Publizist. Er lebt in Köln und schreibt schwerpunktmäßig über den Nahen Osten, u.a. für KONKRET, die Jungle World, die Jüdische Allgemeine und den Tagesspiegel.

12.09. Vorderhaus/Fabrik
20.00 Uhr