Was läuft auf dem Blog von Clemens Heni?

Anfang Oktober erschien auf dem Blog von Clemens Heni http://clemensheni.net ein Eintrag mit dem Titel Von Weimar nach Berlin – Antisemitismus vor Auschwitz und im Jahr 2012. Er und Susanne Wein erheben darin abstruse Vorwürfe. Diese Anschuldigungen stehen in folgendem ohne Auslassungen zitierten Auszug vom neunten Oktober, der sich auf die aktuelle Debatte um die Beschneidung von männlichen Babys und Knaben bezieht:
„Selbst pro-israelische Aktivisten zeigen nun ein ganz anderes Gesicht und machen sich über das Judentum lustig. Offenbar hatten diese Leute schon immer ein Israel ohne Judentum im Sinn. Die Zeitschrift Bahamas aus Berlin folgte dem Ruf aus Köln, der FAZ und dem Zeitgeist und sprach sich gegen eine Kundgebung für Religionsfreiheit/für die Beschneidung aus und forderte ihre 23 oder 34 Anhänger auf, dieser ohnehin kleinen Manifestation vorwiegend deutscher Jüdinnen und Juden am 9. September 2012 in Berlin fern zu bleiben, da sie „den kulturellen und religiösen Traditionen von Kollektiven grundsätzlich misstraut“. Autoren dieses Sektenblattes wie Thomas Maul und Justus Wertmüller bezeichnen die Beschneidung als „archaisch“ und diffamieren dadurch mit Verve das Judentum. Derweil kringeln sich die Neonazis, die NPD und autonome Nationalisten, da doch der deutsche Mainstream das Geschäft des Antisemitismus (bis auf die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe und von Gedenktafeln, bis heute eine typisch neonazistische Form des Antisemitismus) übernommen hat. Die Wochenzeitung jungle world mit ihrem Autor Thomas von der Osten-Sacken machte gegen die Beschneidung mobil und stellte Bezüge zur kriminellen Klitorisverstümmelung bei Mädchen, der Female genital mutilation (FGM), her. Sein Kollege Tilman Tarach war auf Facebook nicht weniger obsessiv dabei, die Beschneidung und somit das Judentum zu schmähen.”

Mit Tilman Tarach beschuldigen Wein und Heni einen Referenten des Antijudaismus und Antisemitismus, der dieses Jahr erfreulicherweise schon zum zweiten Mal an den Thementagen gegen Antisemitismus beteiligt war. Sie behaupten, er habe die Beschneidung und damit das Judentum geschmäht – irgendwo bei Facebook. Die Lehre an den Universitäten soll nachgelassen haben, aber dass Facebook im Allgemeinen schon nicht als Beleg und damit erst recht nicht für einen so schweren Vorwurf ausreicht, sollte sogar Erstsemestern klar sein. Das Autorenduo ist promoviert.

Zwei unserer diesjährigen Referenten schreiben für die Zeitschrift Bahamas, deren Autoren genauso zuverlässige Verbündete gegen den Antisemitismus sind, wie der Jungle-World-Autor Thomas von der Osten-Sacken. Mit dem Verweis auf das zitierte grundsätzliche Misstrauen gegenüber kulturellen und religiösen Traditionen von Kollektiven werden sie von Wein und Heni einfach in die Nähe von Neonazis gerückt. Doch wenn sie religiöse Sonderrechte ablehnen und sich daher gegen eine Teilnahme an genannter Demonstration aussprechen, dann stehen dahinter recht offenkundig Motive der Aufklärung. Hinter die einmal erreichte Säkularisierung soll nicht zurückgefallen werden. Deswegen zu unterstellen, die Genannten besorgten die Geschäfte von Neonazis, ist völlig übergeschnappt.

Die These, auf die Wein und Heni ihre Vorwürfe bauen, lautet ganz schlicht: Wer die Beschneidung in Frage stellt, stellt die Existenz der Juden in Frage. Das ist ein krasser geistiger Kurzschluss. Kritik an diesem bekanntermaßen nicht nur jüdischen Brauch richtet sich nicht grundsätzlich gegen die jüdische Religion oder gar die Existenz der Juden. Wir enthalten uns hier aller weiteren Einschätzungen zur Beschneidung, aber halten fest: Die Beschneidungspraxis ist freiwillig und kein Naturgesetz und kann damit zum Gegenstand von Reflexionen werden, die unabhängig von religiösen Überzeugungen oder ihren Anhängern sind. Die Debatte hat auch eine politische Seite, die wir im Auge haben, aber der aktuelle Gesetzesentwurf der Bundesregierung gibt keinerlei Anlass zu Befürchtungen, dass die Beschneidung und damit auch viele jüdische Eltern nun plötzlich kriminalisiert würden. Und dass die „23 oder 34“ Misstrauischen da noch etwas dran ändern könnten – wenn sie das überhaupt je gewollt hätten –, das können Wein und Heni auch nur glauben, weil sie sie dann plötzlich wieder zum „Mainstream“ rechnen.

Uns ist wohlbekannt, dass sich an dieser Debatte auf beiden Seiten dubiose Leute beteiligen und wir geben gerne ein Beispiel, um Vorwürfen zuvorzukommen, wir würden in diesem Kontext die Antisemiten übersehen. Die antizionistische Agitatorin Evelyn Hecht-Galinski ist uns beispielsweise leider gut bekannt. Sie sprach den Auschwitz-Leugner Gilad Atzmon vom Vorwurf des Antisemitismus frei und hat sich auch das Nachwort für ihr diesjährig erschienenes Buch mit dem einschlägigen Titel Das elfte Gebot, Israel darf alles von diesem lupenrein antisemitischen Propagandisten schreiben lassen. Einer unserer Referenten hat dieses Buch ausführlich als aktuelles Beispiel für den Zusammenhang von Antizionismus und Volksstaat behandelt. Er hat dafür entsprechende Belege genannt und ihre Bedeutung herausgearbeitet – das nur am Rande zu einer von uns präferierten Methode, wenn der schwere Vorwurf erhoben wird, antisemitische oder antizionistische Stereotype zu verbreiten. Frau Hecht-Galinski hat nun der Tageszeitung junge Welt, einem Blatt das traditionell ein warmes Plätzchen für Antizionisten bereithält, schon vor einer Weile ein Interview zum Thema gegeben. Im Titelzitat trifft der Artikel den bei Hecht-Galinski üblichen dauerempörten Ton: „Beschneidung kleiner Kinder ist unmenschlich“. Das deutet für sich genommen nur auf einen moralisch aufgeblasenen Quatsch und nicht direkt Antisemitismus hin, der Volltext könnte aber aufschlussreich sein. Mit diesem Hinweis geben wir zurück an den Heni-Blog und möchten zuletzt daran erinnern, dass der Vorteil elektronischer Medien und gerade der von Blogs vor allem darin besteht, dass man als Verantwortlicher unzusammenhängenden Datenmüll relativ schnell und rückstandsfrei löschen kann.